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61 KULTUR | BÜHNE akzent: Was ist für Sie persönlich reizvoller: Ein bekanntes Stück wie Dracula zu vermarkten, das bei jedem sofort irgendeine Fantasie in Gang setzt, oder eine Uraufführung mit einem eher nichtssagenden Titel wie „Und wenn sie gingen“, die vermutlich die meisten Zuschauer nur anschauen, weil das Stück auf dem Säntis spielen wird? Maike Piechot: Bei der Entwicklung eines Kommunikationskonzeptes für einen dankbaren Stoff wie Dracula sind wir verfahren wie bei der Kommunikation aller Arbeiten des Theaters, denen wir uns widmen dürfen. Wir suchen ein Alleinstellungsmerkmal der bei uns am Hause durch die KünstlerInnen produzierten Arbeit. Das kann ein starkes Bild aus der Popkultur sein, ein besonderes Live-Erlebnis an einem ungewöhnlichen Ort, wie bei den Säntis-Aufführungen, oder das begehbare Hörspiel „Finn“, das uns durch die Niederburg geführt hat. Jede Produktion hat ihre Besonderheiten, ihren ganz genuinen künstlerischen Zugriff, mit dem ein Wert für Zuschauer und besondere Zuschauergruppen einhergeht. Kunst ist ja kein Produkt, das für einen Markt produziert wird. Die Kunst ist frei und ihre KundInnen suchen wir. Zunächst informieren wir also möglichst gezielt, dass etwas stattfindet. Im besten Fall arrangieren wir einen Erstkontakt zur künstlerischen Arbeit, die dann in weiteren Schritten ihre komplexen Hintergründe für die Zuschauenden entfalten kann. Ich persönlich habe deshalb keine Vorliebe für populäre oder sperrigere Stoffe. Den Zugang zu suchen, reizt mich immer. akzent: Beim theaterinternen Brainstorming übers Marketing zu Dracula sprudeln die Ideen doch sicher wie eine angeknabberte Halsschlagader … Die Blutspendeaktion ist witzig und sogar sinnvoll – verraten Sie uns die abgefahrensten Ideen, die nicht umgesetzt wurden? Maike Piechot: Die künstlerische Auseinandersetzung mit einem der stärksten popkulturellen Mythen, dem Vampir, dem Herren der Vampire – das ist an sich schon eine Handlungsanweisung an die MitarbeiterInnen vom Marketing! Dem schreibenden Fach kommt da mal eine schräge Wohnungsannonce aus der Feder, anderen fallen alte Draculafilme in die Hände, die für die Bewerbung genutzt werden. Geplant war, jeden Haushalt am See mit einer speziellen Knoblauchzehe auszurüsten. Diese Idee wurde aus sicherheitstechnischen Erwägungen wieder verworfen, aber noch ist ja nicht aller Tage Abend für die Wiedergänger in Konstanz. Da geht noch was … akzent: An Vampire glaubt ja kein Mensch mehr – aber wer oder was saugt uns Ihrer Meinung nach heutzutage alle Energie aus den Adern? Maike Piechot: Wir uns selbst. Selbstausbeutung ist der neue freiwillige Aderlass. Dracula | Januar 2016 im Stadttheater Konstanz, Spiegelhalle, D-78462 Konstanz | +49 (0)7531 900 150 www.theaterkonstanz.de FOTO: FOTO BISS: BJÖRN JANSEN, FOTO BLUTSPENDE: MICHAEL SCHRODT BLUT GELECKT D – Konstanz | ab. Graf Dracula beißt und saugt im Januar auf der Bühne der Spiegelhalle. Wie vermarktet man den Vater aller Vampirgeschichten? Drei Fragen an Maike Piechot, Marketingleiterin am Theater Konstanz. DAS MAGAZIN VOM BODENSEE BIS OBERSCHWABEN


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