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3 WOH(I)NLANDSCHAFT Der Migrationsdruck auf die Region hält unvermindert an: Jeder Rentner aus Castrop-Rauxel will unbedingt am See sterben – und jeder international bekannte Rennfahrer offensichtlich vom Schweizer Seeufer aus starten. Dazwischen irgendwie eingeklemmt: der Eingeborene… Wenigstens da ist man sich international einig: Der Ruf nach mehr und auch nach bezahlbarem Wohnraum hallt von Oberschwaben bis in die Ostschweiz, von Bregenz bis Singen und wieder zurück. Politiker aller Couleur beschwören, Sozialverbände drängeln, die Bauindustrie sowieso und selbst der hiesige Häuslebauer geriert sich als Wut-Bürger: Es braucht mehr Bauland, unkompliziertere und vor allem schnellere Genehmigungen und immer wieder gerne auch „neue Ideen“. Doch nun rächen sich die seit Jahren verschlankten städtischen Haushalte, weil die Ämter personell ausgedünnt und überlastet sind, der Antragsflut am See kaum Stand halten. Landunter in der Amtsstube! Auch die in den Stadt- und Gemeinderäten großartig gewünschten Investitions- und Bauprojekte versumpfen im Personaldelta zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Infolgedessen bauen sich mittlerweile hunderte Millionen als Bugwelle unaufhörlich weiter auf, die träge von Haushaltsjahr zu Haushaltsjahr weitergeschoben werden. Ein Genehmigungs-Zunahmi! Übrigens – auch hier traute Einigkeit – in allen Gemeinden rundherum! Schon planen entnervte Räte die Investitionen zu streichen oder zurückzufahren, weil überlastete Gremien über Jahre kaum das wegschaffen, was bereits vor Jahren Beschluss war. Und wenn dann tatsächlich Architekten, Bauherren, Projektplaner oder Visionäre mit neuen, zukunftsweisenden Ideen ankommen, dann landen diese spätestens aufgrund unklarer Kompetenz- und Entscheidungsgrundlagen garantiert „in ferner Zukunft“. Insgeheim hoffen die Zuständigen, dass wenn der Nachfrage-Peak im Wohnungsmarkt in vermutlich fünf Jahren erreicht sein wird, der Druck automatisch nachlässt. Doch leider gelten diese Prognosen eher im statistischen nationalen Mittel – aber nicht für die allseits beliebte Region: Rekordübernachtungszahlen, Rekordzuwanderung, händeringend gesuchte weitere Fachkräfte für die boomende Wirtschaft und ja, auch immer mehr Rentner und Rennfahrer gibt’s in Zukunft, die den internationalen Bodensee für sich als Wohnlandschaft entdecken werden. Irgendwie schon blöd, ausgerechnet in so einer „Gewinner-Region“ zu leben… MARKUS HOTZ HERAUSGEBER INTRO Schal: Faliero Sarti Tasche: Henry Beguelin Ballerinas: Chloé DAS MAGAZIN VOM BODENSEE BIS OBERSCHWABEN


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